Warum hat man sich im Landwirtschaftsministerium dazu entschlossen, die Vorverlegung des Schnittzeitpunktes einzuführen? Was können die Forscher an der ZAMG aus den Daten zur Vegetationsentwicklung rauslesen? Und was denkt eine Landwirtin aus dem Burgenland über das Projekt? Die Antworten auf diese und andere Fragen lesen Sie hier!


Lukas WeberLukas Weber (BMLFUW)

Warum ist die Naturschutzmaßnahme „Vorverlegung des Schnittzeitpunktes gemäß www.mahdzeitpunkt.at“ aus Ihrer Sicht ein wichtiges Instrument im ÖPUL?

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass es zwischen den Jahren sehr unterschiedliche Vegetationsentwicklungen gibt. Für die Erreichung von Umweltzielen - und hier insbesondere zur Erhaltung und Steigerung der Biodiversität - ist es jedoch im Rahmen des Agrarumweltprogramms ÖPUL notwendig, fix definierte (früheste) Mahdtermine vorzugeben, welche dann auch entsprechend abgegolten und kontrolliert werden. Mit dem Instrument zur Vorverlegung des Schnittzeitpunktes kann eine gewisse Flexibilität für die teilnehmenden Landwirte geschaffen und trotzdem eine zielgerichtete Flächenbewirtschaftung ermöglicht werden, ohne den Schnittzeitpunkt zu sehr nach hinten zu verschieben. Es können somit die Ziele von Naturschutz und Futterqualität besser vereinbart werden, da die Nutzung angepasst an die tatsächliche Vegetationsperiode erfolgen kann. Besonders interessant an dem Projekt ist die Beteiligung der TeilnehmerInnen an der Festlegung der Tage der Vorverschiebung durch ihre eigenen Rückmeldungen.

Wieso wurde mit der neuen ÖPUL-Periode die Auflage „Vorverlegung des Schnittzeitpunktes gemäß www.mahdzeitpunkt.at“ eingeführt?

Die Teilnahme an spezifischen Naturschutzmaßnahmen ist sehr wichtig für die Erhaltung von naturschutzfachlich schützenswerten landwirtschaftlich genutzten Flächen. Darum sind wir sehr bemüht, ein attraktives Angebot an Agrarumweltmaßahmen anzubieten und damit eine möglichst flächendeckende Wirkung zu erzielen. Durch eine erhöhte Flexibilität in der Nutzung entsprechend der tatsächlichen Vegetation wollen wir einen Beitrag zu praxistauglichen und naturschutzfachlich angepassten Landbewirtschaftungsmethoden leisten. Besonders freut mich, dass die Meldung der Vegetationsentwicklung durch aktive Landwirte vor Ort erfolgt und es eine rege Beteiligung bei der Erhebung der jeweiligen Vegetationsstadien gibt.

Wieso gibt es auch Wiesen, wo die Auflagen NI40 nicht codiert ist?

Das Projekt mahdzeitpunkt.at wird seit dem Jahr 2015 angeboten und hat sich seitdem sehr gut entwickelt. Die Möglichkeit zur Vorverlegung des Mahdzeitpunktes wird im Rahmen der Naturschutz-Projektbestätigungen durch das jeweilige Bundesland festgelegt. Ob eine derartige Möglichkeit eingeräumt werden soll (Vergabe Code NI40), wird anhand naturschutzfachlicher Aspekte entschieden. So kann es zum Beispiel bei Naturschutzflächen mit speziellen Anforderungen des Mahdzeitpunktes zum Schutz von in Wiesen brütenden Vogelarten durchaus sinnvoll sein, einen fixen Termin festzulegen, bis zu dem die Wiesenbrüter sicher ausgeflogen sind. Wo es aber naturschutzfachlich möglich ist, steht einer eventuellen Vorverlegung des Schnittzeitpunktes aufgrund der tatsächlichen Vegetationsentwicklung nichts im Wege.


Helfried ScheifingerHelfried Scheifinger (ZAMG)

Viele Bauern und Bäuerinnen, die in und mit der Natur arbeiten, haben es bereits erkannt: Die Naturentwicklung der letzten Jahre gleicht einer Hochschaubahn. Wie und warum hat sich die Naturentwicklung verändert?

Seit 1946 werden von der ZAMG in Wien systematisch phänologische Beobachtungen aus ganz Österreich gesammelt. Dabei werden über 100 phänologische Phasen von Wildpflanzen, Obstgehölzen, Ackerfrüchten und einigen Tieren (Schmetterlinge, Zugvögel) erhoben und in eine Datenbank eingespeist. Aus den Beobachtungsreihen lässt ablesen, dass die phänologischen Eintrittszeiten zwar von Jahr zu Jahr etwa im gleichen Ausmaß schwanken, sich aber systematisch nach vorne verschoben haben. Besonders gut sichtbar wird dieser Trend bei Fruchtreifephasen, die über den relativ langen Zeitraum von der Blüte bis zur Fruchtreife die Temperaturen der bodennahen Atmosphäre aufsummieren. So reift die Marille beispielsweise in den letzten Jahren etwa zwei Wochen früher als noch Anfang der 1960er Jahre. Der Anstieg der globalen Mitteltemperatur wird damit nicht nur von empfindlichen Instrumenten erfasst, sondern für jeden aufmerksamen Naturbeobachter am saisonalen Zyklus der Natur sichtbar.


Sandra LehrnerSandra Lehrner (Landwirtin)

Sie beobachten seit 2015 das Rispenschieben von Knäuelgras, die Blüte vom Wiesenfuchsschwanz und den Blühbeginn sowie die Vollblüte vom Schwarzen Holunder für das Projekt. Wie geht es Ihnen mit Ihren Beobachtungen am Betrieb?

Mittlerweile habe ich mich schon "eingeschaut" bei den Gräsern und dem Holunder, aber im ersten Jahr war es schon eine Herausforderung zu beurteilen, wann sich die Pflanzen in der entsprechenden Entwicklungsphase befinden und die Vorgaben aus der Beobachtungsanleitung erfüllen. Aber das ist das, was mich so reizt an der Landwirtschaft – das unbeachtete Drumherum sichtbar machen. Ob das jetzt beim Biodiversitätsmonitoring ist, bei dem ich gelernt habe, auf die vielen kleinen Bewohner der Wiesen zu achten und mir Gedanken darüber zu machen, warum in dem einen Jahr mehr oder weniger von einer Art zu sehen sind, oder beim Abgehen des Amphibienschutzzaunes, bei dem mir jeder Frosch oder jede Kröte, die ich über die Straße trage, das Gefühl gibt, ein wenig daran teilhaben zu dürfen, dass die Fortpflanzung dieser Tiere gesichert ist.

Welche Vorteile bietet die ÖPUL-Auflage NI40 – "Vorverlegung des Schnittzeitpunktes gemäß www.mahdzeitpunkt.at" für Ihren Betrieb?

Die Vorverlegung des Schnittzeitpunktes bietet uns Landwirten mehr Flexibilität in der Wahl des für uns persönlich besten Termins zum Mähen unserer Wiesen.

Wetter- und vegetationsabhängige landwirtschaftliche Tätigkeiten an starre Terminvorgaben zu ketten, erscheint mir wenig zielführend und so hoffe ich, dass dieses Projekt erst der Anfang einer Flexibilisierung der Vorgaben ist. Das Ziel soll schließlich sein, die Natur in ihrer Nutzung durch die Landwirtschaft optimal zu unterstützen und geringstmöglich zu irritieren und nicht, die Landwirte durch oft wetterbedingt fast unmöglich einzuhaltende, von der Bürokratie vorgegebene Zeitlimits zu behindern. Dieses Projekt ist für mich ein sehr guter Anfang!

Haben Sie die Vorverlegung des Mahdzeitpunktes gemäß der Vorverlegungskarte auf www.mahdzeitpunkt.at bereits in Anspruch genommen?

Gleich im ersten Beobachtungsjahr 2015 haben wir auf unserem Betrieb die Vorverlegung nutzen können, da die Vegetation gepasst hat und das Wetter in diesen Tagen stabil war. Ich habe mich vorher jahrelang geärgert, dass Vegetation und die starren Terminvorgaben meistens überhaupt nicht zusammengepasst haben, so wie in anderen Bereichen der Landwirtschaft - z.B. in der Gülleausbringung - auch. Die Teilnahme am Projekt ermöglicht es uns nun, den besten Termin zum Mähen unserer Wiesen flexibler zu wählen.